Die Entwicklung der marinen Invertebratenfauna im Phanerozoikum

Die marinen wirbellosen Tiere haben im Verlaufe des Phanerozoikums eine interessante Evolution mit mehrfachen stark radiativen, z.T. geradezu explosiven Phasen und wiederholten Massenaussterbe-Phasen durchgemacht. Noch im Neoproterozoikum hatten nur wenige Familien, zumeist ohne Hartteile, existiert. Im Zuge der kambrischen Explosion stieg die Anzahl der Familien dann schnell auf 150, meist aber recht urtümliche und heute nicht mehr existierende Gruppen ("kambrische Fauna").

Entwicklung der Diversität der marinen Invertebratenfauna im Phanerozoikum.
Eingetragen sind auch die fünf größten Massenaussterbe-Events (1 Oberordovizium, 2 "Kellwasser", 3 Perm/Trias, 4 Trias/Jura, 5 Kreide/Tertiär).
Die Faunen lassen sich vom ökologischen Grundtypus her in 3 Gruppen gliedern: "kambrische", "paläozoische" und "moderne" Fauna.
Datenbasis nach Sepkoski (1981).


Ein neuer rasanter Anstieg auf etwas über 400 Familien fand im Ordovizium statt ("ordovizische Radiation"). Dies sind überwiegend Vertreter ökologisch etwas fortgeschrittenerer Grundtypen ("paläozoische Fauna"). Trotz mehrfacher Massenaussterbe-Ereignisse (Oberordovizium und Oberdevon) hielt sich das Level dann im Paläozoikum recht konstant bei etwas über 400 Familien.
An der Perm/Trias-Grenze kam es dann zu einem dramatischen Rückgang der marinen Invertebraten auf ca. 200 Familien. Seitdem ist ein kontinuierlicher Anstieg auf über 600 Familien (zumeist Vertreter der sogenannten "modernen Fauna") zu verzeichnen, mit Rückschlägen an der Trias/Jura- und an der Kreide/Paläogen-Grenze (K/T -Event).

Die drei großen "evolutionären" Faunen des Phanerozoikums unterscheiden sich grundsäztlich hinsichtlich der Lebensweisen ihrer Hauptvertreter (unterschiedliche "Gilden" der Lebensgemeinschaften und Nahrungsketten):

Die "kambrische Fauna" bestand v.a. aus Trilobiten, Würmern und inarticulaten Brachiopoden. Meist waren das Sedimentfresser, oft sehr flache Tiere, grabende Tiere waren nur sehr oberflächlich tätig. Die Diversität war generell gering, Räuber spielten noch keine allzu große Rolle.

Die "paläozoische Fauna" dominerte, nach erster Entstehung schon im Kambrium, seit dem Ordovizium während des gesamten restlichen Paläozoikums. Es waren v.a. articulate Brachiopoden, Crinoiden, Ostracoden, Cephalopoden und Korallen. Die Lebensgemeinschaften waren dominiert von sessilen Suspensionsfressern des Epibenthos. Räuber wurden wichtiger, waren aber eher langsam beweglich ("Wegelagerer"-Typus). Die trophischen Strukturen wurden deutlich komplexer, die Filterer reichten höher in das Wasser hinauf.

Die Vertreter der "modernen Fauna" waren die Gewinner der Perm/Trias-Krise. Auch sie waren mit ihren ersten Vertretern bereits im Kambrium entstanden, jedoch während des gesamten Paläozoikums nur von untergeordneter Bedetung. Es sind v.a. Muscheln und Schnecken, Knochenfische, Krebse und Seeigel. Dominiert waren und sind sie von schwimmenden Räubern und grabenden Suspensions- und Sedimentfressern (Mollusken, Seeigel, Krebse) sowie vielseitigen Opportunisten wie Crustaceen und Gastropoden. Die ökologische Komplexität stieg enorm an, bis zu ihrem heutigen Level.

FAZIT: Neue Faunentypen addieren immer mehr ökologische Komponenten zu den Meeresboden-Assoziationen (mehr "Gilden").