Der Name für dieses System ("Steinkohlenzeit") erklärt sich dadurch, dass in dieser Zeit weltweit die bedeutendsten Kohlenvorkommen entstanden sind, darunter zum Beispiel die Steinkohlen des Ruhrgebietes, Schlesiens oder der britischen Kohlenreviere.
In Europa wird das Karbon ganz einfach in Unter- und Oberkarbon eingeteilt, wobei hier vor allem das Oberkarbon die Zeit der Kohlenentstehung repräsentiert. Im amerikanischen Sprachraum wird das Karbon sogar in zwei eigenständige Systeme untergliedert: Mississippian und Pennsylvanian. Diese beiden Namen finden deshalb mittlerweile in der international gültigen Zeitskala als Subsysteme (nicht Serien wie sonst) Anwendung (statt Unter- und Oberkarbon):
![]() |
Einteilung des Karbons in die beiden Subsysteme (Ausnahme in der Terminologie !) Mississippium und Pennsylvanium (mit absoluten Datierungen) und die sieben diese weiter untergliedernden Stufen (nach International Stratigraphic Chart der IUGS, 2000) |
Die Stufennamen stammen zumeist aus dem russischen Sprachraum, da hier im Bereich des Ural-Ozeans vollständige marine Schichtfolgen mit den entsprechenden marinen Leitfossilien den Gesamtzeitraum repräsentieren. Da im Mississippium (= Unterkarbon) auch in Mitteleuropa marine Verhältnisse herrschten, finden sich Typusregionen für Stufen aus dieser Zeit auch in Belgien (bei Tournai und Visé). Die für das Pennsylvanium in Mitteleuropa gebräuchlichen Stufennamen Namur, Westfal und Stephan haben nur lokalen Rang und sind keine international gültigen Zeitabschnitte.
Hauptleitfossilien im marinen Bereich sind Ammonoideen, Conodonten und Großforaminiferen (Fusulinen), daneben Ostracoden, Korallen und Brachiopoden, im nichtmarinen Bereich Landpflanzen (v.a. Farne) und Sporen, daneben auch Wirbeltierfährten und Schabenflügel.
Plattentektonische Entwicklung:
![]() |
Plattentektonische
Situtation der Erde vor ca. 340 Ma (Mississippium, Unterkarbon), vereinfacht,
umgezeichnet und ergänzt nach R. Blakey (Univ. of Arizona),
V = Varisziden |
![]() |
Plattentektonische
Situtation der Erde vor ca. 300 Ma (Pennsylvanium, Oberkarbon), vereinfacht,
umgezeichnet und ergänzt nach R. Blakey (Univ. of Arizona),
|
Das Karbon war eine Phase generellen
weltweiten Meeresspiegelrückganges,
im Einzelnen aber durch viele Schwankungen modifiziert. Der allgemeine Rückgang
korreliert mit dem allmählichen Aufbau der kontinentalen Eismassen am
Südpol, die gerade im Karbon so typischen kleinzyklischen Schwankungen
mit deren kurzfristigem Vordringen und Zurückweichen im Rahmen zeitlich
kürzerer Klimazyklen ("Milankovic-Zyklen").
Klimatisch fällt das Karbon in den Übergang von einer Greenhouse-
in eine Icehouse-Ära.
Die durchschnittlichen Temperaturen
gingen generell zurück und fielen während dieser von höheren
zu niedrigeren Durchschnittstemperaturen im Vergleich zu heute. In das höchste
Karbon fällt auch ein rascher Übergang von humiden zu stärker
ariden Trockenklimaten ("Rotliegend"-Fazies).
Es begann eine der stärksten Vereisungsphasen
der Erdgeschichte (Permokarbone
Vereisung des Gondwana-Kontinents auf der Südhemisphäre). Nach
ersten Vergletscherungen im Mississippium bildet sich im Pennsylvanium ein großer
kontinentaler Eisschild mit Höhepunkt an der Karbon/Perm-Grenze. Spuren
davon sind auf allen Gondwana-Teilkontinenten (Südamerika, Afrika, Indien,
Antarktis, Australien) erhalten. Der häufige Wechsel von Warm- und Kaltzeiten
(wie im Quartär) resultierte in ausgeprägten glazioeustatischen
Meeresspiegelschwankungen.
Die weitestverbreiteten Kohlebildungen der Erdgeschichte fallen in das Pennsylvanium,
aufgrund besonderer botanischer Gegebenheiten (Bärlapp-"Rindenbäume"
mit vermutlicher schneller Bioproduktion und geringer Stabilität) und
der tektonischen Situation aber im Gegensatz zu späteren Phasen (ab Oberperm
Kohlen nur noch in gemäßigten Breiten) auch in die tropisch-subtropischen
Klimazonen.
Der Sauerstoffgehalt
der Atmosphäre stieg durch die sich ausbreitenden Wälder auf das
Vielfache des heutigen Wertes an. Der CO2-Gehalt
sank enorm ab (geringere Produktion
ozeanischer Kruste, Verbrauch durch Pflanzen, erste ausgedehnte Wälder!)
bis etwa auf den heutigen Wert.
Europa und Nordamerika:
Im Mississippium wurden weite
Teile des "Old Red"-Kontinentes vom Meer überflutet, in den
Flachmeeren bildet sich die "Kohlenkalk"-Fazies aus. Die im südlich
anschließenden tieferen rhenoherzynischen Becken sowie südlich
der Mitteldeutschen Kristallinschwelle (vulkanischer Inselbogen) abgelagerten
Gesteine (meist Tonsteine mit zyklisch eingeschalteten Turbiditen) im Gegensatz
dazu werden als "Kulm" bezeichnet. Dieses stellt den Flysch im
Vorfeld des von Süden näherkommenden variszischen
Gebirges dar.
Das variszische
Gebirge in Mitteleuropa wird (von Norden nach Süden) in vier Zonen
abnehmender Metamorphose, abnehmender Bedeutung magmatischer Intrusionen
und früherer tektonischer Hauptphase gegliedert: Subvariszikum - Rhenohercynikum
- Saxothuringikum - Moldanubikum. Große Plutonintrusionen (meist Granite)
charakterisieren die Kernzeit der variszischen
Orogenese (z.B. der Brocken im Harz).
Mit der Wende Mississippium/Pennsylvanium hatte das saxothuringische Becken
südlich der Mitteldeutschen Kristallinschwelle aufgehört, zu existieren,
die Gesteine waren aufgefaltet. Später im Pennsylvanium kam es hier
schon zu festländischen Bildungen und Vulkaniten
in Rotliegendfazies (siehe Perm).
Im ehemaligen rhenoherzynischen Becken und nördlich anschließend
(Subvariszikum) kam es zu Beginn des Pennsylvanium zur Verlandung und Kohlenbildung,
mit Höhepunkt im Moskovium / Kazimovium (in der mitteleuropäischen
Westfal-Stufe). Der Beginn des Pennsylvaniums war hier allerdings noch durch
zyklische Meeresingressionen geprägt (paralisches Kohlebecken).
Die Pflanzenwelt:
Mit dem Karbon beginnt bereits die Spätphase der phytischen
Ära des Paläophytikums
mit Dominanz der Sporenpflanzengruppen der Farne,
Bärlappe und Schachtelhalme (Steinkohlewälder). Allerdings kamen
v.a. auf den etwa trockeneren Standorten die Nacktsamer, hierunter besonders
die Cordaiten und die Samenfarne (Pteridospermae), immer stärker auf.
Generell kam es zur weiteren Diversifikation innerhalb der bereits existierenden
Gruppen und zu einer zunehmenden Größe und Komplexität der
Landpflanzen.
Das Karbon war die wichtigste Zeit der Steinkohlenbildung. Große Teile
Europas und Nordamerikas lagen während des Karbons in äquatorialer
Position (siehe Abbildungen oben), und in den feuchten Tiefländern
an den Rändern der damaligen Festländer entwickelten sich ausgedehnte
Sumpfwälder. Das größte Karbonbecken ist das sogenannte
"paralische Kohlenbecken", dessen Kohlenlager in Küstennähe
entstanden und das sich von Irland über England, Nordfrankreich, Belgien,
die Niederlande, Deutschland (Ruhrgebiet) bis nach Polen erstreckte. Durch
häufige Meeresspiegelschwankungen wurden diese Tiefländer gelegentlich
überflutet.
In den Sumpfwälern (Steinkohlenfloren) waren die Lepidodendren (Schuppenbäume)
und die Sigillarien (Siegelbäume) die am weitesten verbreiteten Pflanzen
(beides Bärlappgewächse). Sie konnten eine Wuchshöhe von
bis zu 40 m und Durchmesser von bis zu 2 m erreichen, hatten jedoch nur
sehr kleine Holzkörper. Im Gegensatz zu allen anderen baumförmigen
Pflanzen wurde das Dickenwachstum dieser Stämme und damit auch deren
Stabilität durch die Rinde erzeugt ("Rindenbäume").
Weitere Vegetationselemente unserer Steinkohlenwälder waren die Calamiten,
baumförmige Verwandte unserer Schachtelhalme. Sie konnten bis zu 20
m hoch werden und wuchsen an sehr feuchten Standorten in den Uferbereichen
der Gewässer.
Wichtige Gruppen ware auch die Pteridospermen (Farnsamer), die Farne und
die Cordaiten (weitläufige Verwandte der Koniferen). Die Pteridospermen
besiedelten auch die etwas trockeneren Standorte der karbonischen Tiefländer,
zum Beispiel die sandigen Uferwälle der Flüsse. Farne waren häufig
mit baumförmigen Typen repräsentiert, obwohl auch kletternde und
epiphytische Formen nachgewiesen worden sind. Echte Farne und Samenfarne
(zusammen auch Pteridophyllen genannt) können nur anhand ihrer oft
sehr ähnlichen Beblätterung nicht sicher unterschieden werden
Die Cordaiten hatten sehr charakteristische bandförmige Blätter
bis zu 70 cm Länge und sind als mögliche Vorläufer der Koniferen
in der Diskussion. Einige Formen besiedelten heutigen Mangrovegebiete entsprechende
Lebensräume, während andere als typische Vertreter der trockeneren
Hinterländer angesehen werden müssen.
Während des obersten Karbons wurden die Koniferen, deren älteste
Formen Ähnlichkeiten mit den heutigen Araucarien aufweisen, immer häufiger.
Die ältesten Koniferen sind schon aus dem mittleren "Westfal"
beschrieben worden.
![]() |
Die Florenregionen im Karbon und Perm. Besonders die gegenüber unserer vertrauten euramerischen Flora sehr eigenständige Gondwana-Flora (Glossopteris-Flora) war schon früh ein Argument für die Existenz plattentektonischer Prozesse. Umgezeichnet nach Faupl (2000). |
Das Karbon war auch die Zeit, in der sich eine erste Differenzierung der
Erde in Florenprovinzen herausbildete. Die uns vertraute (und oben beschriebene)
Euramerische Flora steht den in vielen Punkten ähnlichen Angara- und
Cathaysia-Floren gegenüber, während sich auf der Südhalbkugel
die deutlich unterschiedliche Gondwana-Flora (auch Glossopteris-Flora)
mit dem kennzeichnenden baumförmigen Samenfarn entwickelte.
Die Tierwelt:
Im marinen
Bereich hielt sich die Diversität der typischen paläozoischen
Invertebratengruppen auf hohem Niveau ohne bedeutende Massenaussterben.
Die Korallen erholten sich am Beginn des Karbon wieder von dem oberdevonischen
Massenaussterben, beide Gruppen nahmen dann im Verlaufe des Karbon und
Perm aber in ihrer Diversität sukzessive ab. Rugosa lassen sich, wie
im Devon, in Flachwasserbereichen ("Kohlenkalk") z.T. zur Parastratigraphie
nutzen.
Erstmals im Verlaufe des Phanerozoikums wurden die Muscheln etwas bedeutender,
zwar nicht unbedingt formenreicher, aber dafür mit bekannten und z.T.
sehr häufigen Gruppen im marinen Bereich ("Posidonienschiefer")
und auf den Kontinenten (erste Süßwassermuscheln). Generell gab
es jedoch noch kaum Endobenthonten, gegenüber den Brachiopoden als den
damals tpyischen Zweischalerfaunen des Meeres blieben die Muscheln weiter
sehr unbedeutend.
Die Gastropoden zeigten im marinen Bereich einen Diversitätsschub in
mehreren Gruppen sowie - spätestens jetzt - das Erstauftreten der Heterostropha.
Das Erstauftreten von Pulmonata (Lungenschnecken) in Süßwasserbereichen
gilt als nicht gesichert.
Bei den Cephalopoden ging die Formenvielfalt der Nautiloideen weiter zurück,
während die Ammonoideen mit dem weiteren Aufblühen der Goniatiten
die Haupt-Zonenleitfossilien im marinen Bereich (Orthostratigraphen) stellen.
Alle Ammonoideen ab dem Karbon hatten einen externen Sipho.
Bei den Trilobiten nahm nach dem oberdevonischen
Massenaussterben die Diversität weiter ab, die Gruppe wurde immer
unbedeutender.
Die Brachiopoden sind gute Parastratigraphen im küstennahen Bereich,
zeigen generell aber einen Rückgang vieler paläozoischer Gruppen
mit Ausnahme der Strophomeniden (Untergruppe Productiden).
Bei den Echinodermen waren weiterhin die Crinoiden und - v.a. in den "Kohlenkalken"
Nordamerikas - die Blastoiden artenreich verbreitet. Die Crinoiden hatten
im Mississippium die höchste Diversität aller Zeiten, verzeichneten
danach jedoch wieder einen Diversitätrückgang.
Bei den Fischen
sind waren großen Panzerfische (Placodermen) schon vor dem Karbon ausgestorben,
modernere Fischgruppen begannen nun vorzuherrschen.
Die Amphibien
durchlebten im Karbon ihre Blütezeit mit größter Diversität
und z.T. erheblichen Körpergrößen (bis 5 m Länge im Pennsylvanium).
Mit der Entwicklung des amniotischen Eis entwickeln die Tetrapoden die Möglichkeit,
sich fern von Gewässern fortzupflanzen. Als primitiveste Amniota
sind erste Reptilien
(Synapsida und Diapsida) im Pennsylvanium vertreten, aber noch unbedeutend.
Zu dieser Zeit lebten allerdings auch viele Reptilien noch überwiegend
aquatisch.