Das Massenaussterben im
Oberdevon ("Kellwasser-Event")
Das Oberdevon
war eine Zeit zyklische wiederholter Anoxia (sauerstoffarme bis -freie Wassermassen)
auf den Schelfen der Kontinente. Diese Anoxia waren auch gleichzeitig verbunden
mit (bzw. bewirkten) Zeiten verstärkten Aussterbens der wirbellosen
Flachwasserfaunen. Das stärkste dieser Events liegt recht genau an
der Grenze zwischen unterem (Frasnium) und oberem (Famennium) Oberdevon
und wird nach einem kleinen Flüßchen im Harz (dort ist ein bekanntes
Profil, das diese Schichten gut erschließt) auch als "Kellwasser-Event"
oder "Kellwasser-Horizont" bezeichnet.
Unter den "großen
Fünf" Massenaussterben des Phanerozoikums war das Kellwasser-Event
nach der Anzahl ausgestorbener Gattungen
das drittschwerste. Es waren sowohl die "paläozoische"
als auch, etwas geringer, die "moderne"
evolutionäre Fauna betroffen, weniger die "kambrische".
Vor allem betroffen waren Riffgemeinschaften, Suspensionsfresser
und große Räuber, weniger die Detritusfresser und kleinere bis mittelgroße
Räuber.
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| Schematisches Modell zur Erklärung der Vorgänge um die Kellwasser-Horizonte und andere Anoxia im Oberdevon. Nach Joachimski & Buggisch (1996). |
Eine Interpretation des oberdevonischen
Massenaussterbens muss die in dieser Zeit besonders auffälligen zyklischen
Anoxia berücksichtigen. Trotz gelegentlicher "Sensationsmeldungen"
ist ein Nachweis populärerer Ereignisse wie Asteroiden-Impakts und Vulkan-Katastrophen
bisher nicht gelungen.
Über die Untersuchung der stabilen Isotopen des Kohlenstoffs (C12
und C13), die gute Aussagen über Bioaktivitäten, Sauerstoffgehalte
in Wassermassen usw. (und generell über den Kohlenstoffkreislauf)
zulassen, konnte ein kompliziertes Szenario wahrscheinlich gemacht werden (siehe
Abbildung). Entscheidender Punkt für das wiederholte (und an der Frasnium/Famennium-Grenze
besonders starke) Aussterben ist hierbei das Entstehen warmer salzhaltiger Tiefenwässer
(WSDW = warm saline deep water), das im Zuge von Meeresspiegelanstiegen ozeanische
Anoxia (sauerstoffarme bis -freie Wassermassen) auf die Schelfe drückte
("anoxic overturns") und
so zum Absterben besonders der Riffsysteme, der festgewachsenen
Supensionsfresser sowie großer, kaum beweglicher Räuber führte.
Die Frage, warum diese Ereignisse gerade im Oberdevon
solche tiefgreifenden Folgen hatten, ist nicht neu. Als Antwort darauf wurde
wiederholt die Tatschache ins Spiel gebracht, dass das Oberdevon
ja die Zeit der Erdgeschichte war, in der erstmalig ausgedehnte Wälder
zumindest die Flachländer der Kontinente bedeckten. Vielleicht hat der
verstärkte Eintrag organischen Materials aus dieser Quelle zu einem im
Vergleich zu späteren Zeitabschnitten besonders starken Einfluss auf
den Kohlenstoffkreislauf beigetragen, da die marinen Ökosysteme sich hierauf
noch nicht haben einstellen können. Hinzu kommt, dass die Ablagerungssysteme
auf dem Festland in der ersten Hälfte des Paläophytikums
noch wenige "Fallen" für organischen Detritus bereitstellten,
mäandrierende Fluss-Systeme mit stabilisierenden Uferwällen, Detritus
aufnehmenden Altarmen und Überflutungssenken usw. dazwischen gab es noch
kaum, totes Pflanzenmaterial konnte relativ ungehindert in größeren
Mengen mit Flüssen in die Küstenregionen der Meere befördert
werden.