Das Silur (435 - 410 Ma)

Der Begriff Silur stammt von dem Keltenstamm der Silurer aus Nordwales (Murchinson 1839). Ein offizielles System der Erdgeschichte ist das Silur aber erst seit 1960. Es wird gegliedert in vier Serien, davon drei aus dem walisischen und eine aus dem tschechischen Sprachraum. Wichtigste Leitfossilien im marinen Bereich sind die Graptolithen, daneben Trilobiten, Brachiopoden, Nautiloideen, Ostracoden und Conodonten.

Einteilung des Silurs in die vier Serien Llandovery, Wenlock, Ludlow und Pridoli und die diese wiederum untergliedernden Stufen (mit absoluten Datierungen, nach International Stratigraphic Chart der IUGS, 2000).



Plattentektonische Entwicklung:

Plattentektonische Situtation der Erde vor ca. 430 Ma (Basis des Wenlock), vereinfacht, umgezeichnet und ergänzt nach R. Blakey (Univ. of Arizona), http://vishnu.glg.nau.edu/rcb, hier auch weitere Bilder der silurischen Erde
K = Kaledoniden

Legende
Abkürzungen

(Animation 600 Ma: klein / groß)


Der Pangäa-Superkontinentzyklus begann seine initiale Phase mit dem Zusammenwachsen einiger kleinerer Kontinente und Terranes. Gondwana (als letzter Rest des Superkontinentes Rodinia) driftete, bei gleichzeitiger Rotation im Uhrzeigersinn, unter dem Südpol nordwärts (siehe auch "Polwanderung"). Dieser lag im Mittelsilur im Bereich des südlichen heutigen Südamerika, später im südlichen heutigen Afrika.
Auch die perigondwanischen Terranes (Avalonia, siehe auch unter Ordovizium, sowie weitere neue Terranes) und v.a. Baltica drifteten weiter nordwärts. Die Einengung des Iapetus-Ozean auch in seinen südlicheren Abschnitten schritt fort, die ozeanische Kruste wurde weiter und schließlich ganz subduziert (kaledonische Orogenese).
Die Avalonia-Terranes und Baltica wurden im Verlaufe des Silurs mit Laurentia zu dem neuen Kontinent Laurussia (Eurameria, oft auch "Old Red"-Kontinent genannt) vereinigt, die randmarinen Sedimente (Kambrium-Silur) wurden zum Gebirgssystem der Kaledoniden aufgefaltet (mit Höhepunkt im Obersilur). Am Südrand Balticas entstanden die mitteleuropäischen Kaledoniden.
Zwischen Gondwana und den äquatornahen Kontinenten (Laurentia und Baltica, zusammen Old Red - Kontinent, siehe unter Devon) verblieb der variszische oder Rhea-Ozean, der allerdings durch die Nordwanderung von Gondwana gegenüber dem Ordovizium bereits schmaler wurde, weiter östlich die Paläotethys.


Im Silur ist ein genereller Meeresspiegelrückgang zu verzeichnen, nach zeitweiliger Transgression zu Beginn und besonders starker Regression an der Silur/Devon-Grenze (kaledonische Gebirgsbildung). Trotz dieser tektonisch bedingten Regressionen beginnt mit dem Silur aber auch der Höhepunkt der altpaläozoischen Greenhouse-Ära ohne Vereisungen, bei stark ansteigenden Temperaturen.
Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre lag ungefähr in der gleichen Größenordnung wie heute (vielleicht minimal niedriger), sank aber etwas ab. Der CO2-Gehalt, zu Beginn des Silurs noch sehr hoch, sank enorm ab, Grund dafür war wohl die Endphase der kaledonischen Gebirgsbildung mit geringer werdender Produktion ozeanischer Kruste an den mittelozeanischen Rücken.


Europa und Nordamerika:

Baltica hatte im Silur durch die äquatoriale Position ein sehr warmes Klima, was durch den generellen Temperaturtrend (s.o.) noch verstärkt wurde. Daher fanden sich hier ideale Bedingungen für Entwicklungen der Riffsysteme im marinen und der Landpflanzen im nichtmarinen Bereich.
Im Gebiet der Kaledoniden (z.B. heutiges Irland, Wales, Schottland, Norwegen) lief die Hauptfaltungsphase ab. Bis zur endgültigen Auffaltung im oberen Silur wurden im britischen Raum noch fossilreiche Gesteine abgelagert: Graptolithenschiefer küstenfern, Kalke und sandigere Schiefer küstennah.
Auf dem überfluteten Südrand Balticas wurden intern (küstennah) weiterhin Kalkfolgen (hier zunehmend mit Riff-Ökosystem), extern Graptolithenschiefer gebildet. Die berühmtesten Silur-Riffe (Stromatoporen-Tabulaten-Riffe) finden sich auf Gotland.

Ockerkalk des Silur an den Feengrotten bei Saalfeld (Thüringen). Die ockerfarbenen Partien repräsentieren Gangsysteme endobenthonischer (im Meeresboden grabender) Tiere, die im Vergleich zum umgebenden feinkörnigen Kalkstein (grau) eine andere Sedimentfüllung und später eine andere Reaktion mit dem Porenwasser erfahren haben (Diagenese mit mehr eisen- und/oder manganhaltigen Mineralen, welche die Rotfärbung verursachen). Foto: Geländepraktikum zur Erdgeschichte, April 2001

In Mitteleuropa überwogen zunächst ebenfalls Graptolithenschiefer, später kam es aber mit dem zunehmenden Nordwandern der Terranes (in wärmere Klimate, s.o.) vermehrt zu Karbonatbildungen (Ockerkalk, siehe Bild). Die Mitteldeutsche Kristallinschwelle zwischen der "frühvariszischen Geosynklinale" (Zone des Saxothuringicum) und den mitteleuropäischen Kaledoniden (s.o.) wird weiter akzentuiert.
Hier ging die marine Entwicklung in das Devon hinein weiter, während sich das Meer nach der Hauptfaltungsphase der Kaledoniden im obersten Silur (Pridoli-Stufe) aus dem Gebiet der Britischen Inseln und von Baltica zurückzog.


Die Pflanzenwelt:

Im Silur liegt der zumindest gesicherte (evtl. schon Ordovizium?) Beginn der phytischen Ära des Paläophytikums (Dominanz der Sporenpflanzen) mit zunehmendem Auftreten und Diversität von primitiven Gefäßpflanzen, den Psilophyta (Urfarnen).
Zu den bereits seit dem Oberordovizium vorkommenden Fossilien treten Reste echter Gefäße, erste sichere Pilze, schließlich auch verschiedenste Makroreste von Psilophyten und Cha
rophyten (Armleuchteralgen).
Das wirkliche Vorkommen der silurischen Psilophyta auf dem festen Land ist aber nach manchen Autoren noch nicht gesichert, auf jeden Fall kamen diese Formen noch ausschließlich an sehr feuchten Standorten in Niederungen oder am Küstensaum vor.
Der Ursprung der Psilophyta ist ebenfalls noch ungesichert, verschiedene Algengruppen sind als Herkunft möglich. Am wahrscheinlichsten sind primitive Vertreter der Charophyta (Armleuchteralgen).


Die Tierwelt:

Auf den Kontinenten gab es noch keine Tiere.
Im marinen Bereich hielt sich nach der ordovizischen Radiation der Invertebraten die Diversität der Vertreter der "paläozoischen Fauna" auf hohem Niveau ohne bedeutende Massenaussterben.
Bei den Korallen kam es zur weiteren Radiation der Tabulata und nun auch besonders der Rugosa mit ihren durch Septen unterteilten Gastralräumen. Die typisch altpaläozoischen Stromatoporen-Tabulaten-Riffökosysteme entwickeln sich. Berühmte Silur-Riffe finden sich z.B. auf Gotland. Rugose Korallen waren meist solitär, oft an Bereiche frischeren Seewassers angepaßt.
Die Muscheln (Pelecypoda) und Gastropoden entwickelten sich nur langsam mit epibenthonischen Formen weiter, waren aber (wie im Ordovizium) generell noch eher unbedeutend.
Die Nautiloideen waren in der Diversität dem Ordovizium gegenüber schon eingeschränkt, jedoch noch recht formenreich und hatten - v.a. mit bereits eingerollten Formen - im Silur das Maximum ihrer Nutzbarkeit als Leitfossilien (Parastratigraphen).
Bei den Trilobiten ist nach dem oberordovizischen Massenaussterben eine erheblich eingeschränkte Diversität zu verzeichnen, sie eignen sich aber weiterhin als Parastratigraphen im küstennahen Bereich. Formen mit Anpassung an das Liegen auf weichem Schlamm (Siebhauben, lange Wangenstacheln) wurden häufig. Weitere bedeutende Arthropoden waren die bis mehrere Meter langen Eurypteriden, bevorzugt im Brack- und Süßwasser.
Die Brachiopoden erlebten einen Rückgang der Diversität der im Ordovizium dominierenden Gruppen, aber eine Zunahme der Gattungen bei den Spiriferiden und Rhynchonelliden sowie den Höhepunkt der Pentameriden. Auch sie sind als Parastratigraphen in küstennahen Klastika und Karbonaten nützlich.
Die Echinodermen waren v.a. mit den in ihrer Bedeutung gegenüber dem Ordovizium nunmehr abnehmenden Cystoideen und den im Gegensatz dazu sehr stark radiierenden Crinoiden (Seelilien) vertreten. Andere Gruppen (z.B. die Seeigel) waren noch unbedeutend.
Graptolithen waren die Orthostratigraphen (siehe hierzu Ordovizium). Im Silur herrschten einästige Kolonien mit nur einseitigen Thecen (Monograptiden) sowie eingedrehte und verzweigte Modifikationen dieses Bauplans vor.
Wirbeltiere: Nach der nur geringen Dokumentation von Fischen im Kambrium und Ordovizium wurden nun die kieferlosen Agnatha häufiger und diverser. Auch erste kiefertragende Gnathostomata sind bereits bekannt.