Die variszische Orogenese
(Devon bis Perm)
Die Variszier waren ein Volksstamm
in Nordostbayern und gaben dieser zweiten der drei großen Orogenesen Europas
ihren Namen. In ihrem Gesamtverlauf vom Devon über
das Karbon bis in das Perm
hinein wurde der große Südkontinent Gondwana durch seine ständige
Nordwanderung unter Schließung des variszischen Ozeans (auch Rhea-Ozean,
Proto- oder Paläotethys genannt) mit dem Old-Red-Kontinent (auch Eurameria
oder Laurussia) zu dem Superkontinent Pangäa
vereinigt. An der Nahtstelle wurde das variszische Gebirge aufgefaltet, welches
heute z.B. im Rheinischen und Thüringischen Schiefergebirge, dem Harz,
den Ardennen oder dem Massif Central erschlossen ist.
Das komplexe Geschehen der
variszischen Orogenese nahm bereits im Devon mit der
Kollision von Terranes und der Subduktion ozeanischer Kruste seinen Anfang.
Mitteleuropa wurde beherrscht von zwei Teilozeanen (Rhenoherzynikum und Saxothuringikum),
die jeweils einen flachen Schelf im Norden und einen tieferen Teil mit ozeanischer
Kruste und Subduktion im Süden aufwiesen. Getrennt wurden sie von der Mitteldeutschen
Kristallinschwelle.
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Modell zur Entwicklung der mitteleuropäischen Varisziden im Devon. Umgezeichnet nach Franke (1989) aus Faupl (2000). |
Die mit diesen Subduktionen und Kollisionen
kleinerer Platten verbundenen frühvariszischen Phasen werden als reussisch
und bretonisch bezeichnet. Typisch war auch ein frühorogener submariner
basischer Vulkanismus, dessen Ergebnisse heute vielerorts als Diabase für
den Straßenbau abgebaut werden.
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Prinzipieller Ablauf der tektonischen und magmatischen Ereignisse während der variszischen Gebirgsbildung in Mitteleuropa. hellbraun = tektonische
"Phasen" Umgezeichnet nach Schmidt & Walter (1990). |
Die variszische Hauptfaltung (sudetische
Phase) ereignete sich in Europa etwa an der Wende Mississippium
/ Pennsylvanium (bzw. Unter/Oberkarbon). Sie war mit intensiven Verfaltungen
(nördlich der Mitteldeutschen Kristallinschwelle meist NW-vergent, südlich
davon meist SE-vergent) und der Intrusion großer Tiefengesteinskörper
(saure Plutonite, z.B. Brocken im Harz) verbunden und ging in die erzgebirgische
Phase über.
Wie in den Kaledoniden (beachten Sie überhaupt die z.T. ähnlichen
Abfolgen, fast mag man von einer Regelhaftigkeit in der Entwicklungsgeschichte
von Orogenen sprechen) folgten noch über längere Zeit einige Spätphasen
(asturisch, saalisch), die von (meist saurem) Vulkanismus und intensiver Bruchtektonik
begleitet wurden.
Ebenfalls sehr regelhaft entwickelt
ist in den Varisziden die Abfolge typischer Sedimente vom Flysch (Wechsellagerung
feinkörniger Beckenablagerungen mit von den Schelfkanten ins tiefere Becken
abgerutschten Trübeströmen, sogenannten "Turbiditen") zur
Molasse (Abtragunsschutt der bereits aufgefalteten Gebirge). Der variszische
Flysch wird z.B. durch die Tonschiefer/Grauwacken-Wechsellagerungen des Mississippium
in Kulm-Fazies, die Molasse durch die klastischen Sedimente des Perm in Rotliegendfazies
repräsentiert.
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Geologischer Schnitt von NW (links) nach SE (rechts) durch das variszische Gebirge in Mitteleuropa mit den Kossmat' schen Zonen. KTB = Kontinentale Tiefbohrung. Umgezeichnet nach Bahlburg & Breitkreuz (1998). |
Diese Abbildung zeigt das Endergebnis
der variszischen Orogenese in Mitteleuropa. Das komplizierte Bild mit zahlreichen
Unterschiebungen und Deckenbahnen (enorme Krustenverkürzung!) ist offensichtlich.
Sie zeigt auch eine seit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts (nach
Kossmat) übliche Gliederung des Variszikums von NW (links) nach SE (rechts)
in breite, SW-NE-verlaufende Zonen jeweils ähnlicher geologischer Geschichte,
tektonischen und sedimentologischen Inventars, Metamorphosegrade und Durchsetzung
mit Plutoniten:
- Das Subvariszikum besteht fast ausschließlich aus nach Norden
vorgeschütteter Molasse des von Süden heranrückenden variszischen
Gebirges, hierin auch die wichtigsten großen Steinkohlenvorkommen in Frankreich,
Belgien, Deutschland und Polen.
- Das Rhenoherzynikum mit einer Vielfalt an Sedimenten meist geringeren
Metamorphosegrades, überwiegender NW-Vergenz der Faltung und geringem Anteil
an sauren Plutonen (z.B. Brocken) ist heute z.B. in den Ardennen, der Eifel,
dem Sauerland und dem Harz erschlossen.
- Im Saxothuringikum (heute
z.B. Frankenwald, Thüringer Schiefergebirge, Spessart, Odenwald) waren
die Faltungen (meist SE-vergent) bereits vor dem Pennsylvanium abgeschlossen,
es gibt kein marines höheres Karbon. Die Metamorphosegrade
sind oft etwas größer, die Plutonite häufiger, der Deckenbau
ist intensiver.
- Das Moldanubikum (Böhmische Masse, Schwarzwald, Vogesen u.a.)
ist sehr stark metamorph und von zahlreichen Tiefengesteinskörpern durchsetzt.